Endlich mal wieder Männerabend. Pascal sitzt mit seinen Kumpels im Kino, es sind die weichen roten Sessel aus Samt, in denen man so schön versinken kann. Der Streifen an sich hat ein eher schnelles Tempo; das ist Pascal zu viel, aber er will seinen Jungs nicht den Abend verderben.
Bei einer sehr bewegenden Szene entlädt sich seine emotionale Anspannung dann doch in Form einer Träne, die seine Wange hinunterrollt. Alle anderen sitzen einfach nur da und schweigen betreten. Pascal ist froh, dass es in dem Saal stockdunkel ist, denn er weiß, Jojo würde ihn auf jeden Fall belächeln, wenn der ihn weinen sehen könnte.
Vielleicht hast du eine ähnliche Situation schon mal erlebt. Vielleicht hast du dir die Tränen aber auch komplett verboten.
Gefühle zu zeigen, vor allem durch Tränen, sehen viele Männer als Schwäche an. In diesem Artikel schauen wir uns an, warum das falsch ist, welche Funktion Tränen haben und warum sie ein Zeichen von Stärke, Mut und Authentizität sind.
Tränen als biologisches und emotionales Ventil
Das klassische Stereotyp ist: „Ein echter Mann weint nicht.“ Wenn du solche inneren Regeln verinnerlicht hast, kann der Schaden, der dadurch angerichtet wird, sehr groß sein. Werden Traurigkeit oder auch Wut unterdrückt, entstehen permanenter Stress und Übersäuerung im Körper, irgendwann auch Depressionen oder körperliche Krankheiten.
Psychologisch gesehen hilft Weinen, intensive Emotionen wie Traurigkeit, Freude oder Rührung zu verarbeiten. In der Regel ist es ein Gedanke, durch den eine Spannung entsteht und der das Gefühl auslöst.
Rein biologisch sind Tränen nicht nur dazu da, die Augen zu reinigen, sondern auch, um eine emotionale Regulierung zu ermöglichen. Durch Weinen werden Stresshormone wie Cortisol nachweislich abgebaut und das parasympathische Nervensystem wird aktiviert, das für Entspannung zuständig ist.
Aus stammesgeschichtlicher Sicht fördern Tränen auch den Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung innerhalb von sozialen Gruppen, weil man sich meistens eher verbunden mit Menschen fühlt, die sich in vertrauter Runde auch mal von ihrer verletzlichen Seite zeigen können.
Gesellschaftliche Prägungen und toxische Männlichkeitsbilder
Um nachzuvollziehen, weshalb viele Männer so ein Problem mit Tränen haben, lass uns einen kurzen Blick in die Geschichte werfen:
In vielen Kulturen der Antike und des Mittelalters gehörten Emotionen interessanterweise auf natürliche Weise zur männlichen Identität. Zum Beispiel haben griechische und römische Schriftsteller Gefühle wie Trauer und Freude ganz offen thematisiert. Ein römischer Held, der sogar öffentlich geweint hat, ist Scipio Africanus, der General, der Hannibal besiegte. Er weinte, als er nach der Zerstörung von Karthago an die Grausamkeit des Krieges dachte – ein Zeichen von moralischer Größe und Mitgefühl.
Cato der Jüngere war ein römischer Politiker und hat Tränen vergossen, als er von der moralischen Korruption in Rom sprach, weil das seine Ideale zutiefst verletzte. Im Mittelalter zeigten laut der Literatur selbst die Ritter oft Gefühle wie Liebe und Stolz.
Mit der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert wurden Arbeits- und Privatleben zunehmend getrennt. Männer waren immer mehr die Hauptverdiener und glaubten, nur mit Härte und Rationalität in der industriellen Arbeitswelt bestehen zu können. Dazu kam, dass die Familie wirtschaftlich abhängig vom männlichen Einkommen war. Das festigte die Rolle des Mannes als Autoritätsperson, der seine Emotionen zugunsten der Arbeitsmoral unterdrücken sollte.
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden Soldaten ermutigt, Gefühle zu unterdrücken, um als tapfer und standhaft zu gelten. Dieses Ideal des emotionslosen Kriegers hat das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit nachhaltig geprägt. Das zeigte sich auch in Filmen, die immer mehr aufkamen. Heldenfiguren wurden darin oft als emotional kalt und distanziert dargestellt, was das Ideal des emotionslosen Mannes weiter verstärkt hat.
Immer noch gibt es genügend Filme, in denen Männer als emotionslos dargestellt werden. Dazu einige Beispiele:
„Fight Club“ (1999): Edward Nortons Charakter zeigt eine tiefe emotionale Leere und Entfremdung. Er ist gefangen in seiner eigenen Zerrissenheit und emotionalen Kälte.
„The Great Gatsby“ (2013): Tom Buchanan wird als ein reicher, emotionsloser Mann dargestellt, dessen Handlungen von Egoismus, Entfremdung und Kälte geprägt sind. Er lebt in einer Welt, die von materiellen Werten dominiert wird, und zeigt wenig bis keine echte emotionale Verbindung zu den Menschen um sich herum.
Manche Filme thematisieren mittlerweile aber auch stärker die innere Zerrissenheit auf dem Weg zu einer Persönlichkeit, die Empfindsamkeit und Stärke in sich vereinen möchte, aber nicht weiß, wie das gehen kann:
„A Serious Man“ (2009): Die Hauptfigur, Larry Gopnik, ist ein Professor, der in einer persönlichen und beruflichen Krise steckt. Obwohl er ein feinfühliger Mensch zu sein scheint, wird seine emotionale Distanz zu den Herausforderungen, denen er gegenübersteht, immer stärker, was ihn zunehmend isoliert.
„Drive“ (2011): Ryan Gosling spielt den namenlosen „Driver“, einen Mechaniker und Fluchtfahrer, der eine große emotionale Distanz zu seiner Umwelt hat. Trotz seiner ruhigen, introvertierten Art gibt es immer wieder Momente, in denen er emotional blockiert ist und seine Gefühle nicht ausdrücken kann.
Dein Vater als männliches Vorbild
Gesellschaftliche Trends haben mit Sicherheit auch deine Vorfahren auf die eine oder andere Weise beeinflusst. Die Personen, die dich in deiner Kindheit am meisten geprägt haben, sind meistens dein Vater (wenn er da war) und dein Großvater. Wie ist dein Vater mit Emotionen umgegangen, bei sich selbst und bei anderen? Hast du ihn jemals weinen sehen? Wie hat er reagiert, wenn dir als Kind mal die Tränen gekommen sind? Hat er dich ignoriert, dich abgewertet, dich ausgelacht, dich vielleicht sogar vor anderen bloßgestellt?
Manchmal sind auch die Frauen das Problem
Wie hat deine Mutter reagiert, wenn du mal geweint hast? Konnte sie das aushalten? Hat dich getröstet und dir Mut gemacht? Oder hat sie deine Tränen nicht ernst genommen und gesagt: „Stell dich doch nicht so an!“? Hat sie dich manchmal vielleicht so lange kritisiert, bis du weinen musstest?
Die gesunde Variante: Psychische Stärke durch emotionalen Ausdruck
Auch wenn du vielleicht noch etliche Glaubenssätze über das Leben (und über dich) mit dir herumträgst: Nüchtern betrachtet zeigen Tränen, dass du dich selbst und deine Emotionen nicht versteckst. Das ist ein Zeichen von gesundem Selbstbewusstsein. Weinen ist ein Ausdruck von tiefer emotionaler Verarbeitung und damit von emotionaler Intelligenz.
Das ist eine Stärke, die auch in Führungspersönlichkeiten zunehmend geschätzt wird. Chefs, die andere den ganzen Tag anmotzen, weil sie selbst schlecht gelaunt oder unzufrieden mit ihrem Leben sind, kommen zum Glück immer mehr aus der Mode. Männer, die auf ihr Gegenüber eingehen können und dabei selbstbewusst ihre Gefühle zeigen, wirken nahbarer und inspirieren andere, weil sie authentisch sind. Das macht anderen Mut. In der Gegenwart eines solchen Chefs fühlt man sich gleich besser, wenn einem mal ein Fehler unterlaufen ist.
Tränen im Kino: Was sie wirklich bedeuten
Lass uns noch mal zur Anfangsszene zurückkommen: Wenn du als Mann bei Filmen weinst, zeigt es, dass du einfühlsam bist und dich in andere Charaktere und Situationen hineinversetzen kannst. Das spricht dafür, dass du mit deinen eigenen Gefühlen in Kontakt bist, was wiederum ein Zeichen für emotionale Intelligenz ist.
Ein weiterer Aspekt: Mut wird oft als männliche Eigenschaft eingestuft. Wenn du es wagst, ein gesellschaftliches Tabu zu brechen, signalisierst du gleichzeitig, dass du davor keine Angst hast und zu dir stehen kannst.
In einer Gesellschaft, in der männliche Stärke oft mit emotionaler Härte gleichgesetzt wird, ist Weinen ein bewusster Akt der gesunden Rebellion gegen ungesunde Erwartungen. Emotionaler Ausdruck zeigt, dass ein Mann sich nicht von äußeren Meinungen kontrollieren lässt, und das ist wiederum ein Zeichen von innerer Stärke. Männer, die weinen, zeigen, dass sie mitfühlen können. Eine Eigenschaft, die nicht nur in Beziehungen, sondern auch im Beruf immer mehr geschätzt wird.
In bester Gesellschaft
Übrigens gibt es einige prominente Beispiele von Männern, die in der Öffentlichkeit weinen:
- Sportler, die nach großen Siegen oder Niederlagen weinen,
- Schauspieler wie Keanu Reeves oder Chris Evans, die für ihre Authentizität geschätzt werden,
- Barack Obama, der sich erlaubt hat, bei emotionalen Reden Tränen zu zeigen.
Warum werden diese Männer als Vorbilder wahrgenommen?
Menschlichkeit verbindet. Tränen machen Menschen nahbar und schaffen emotionale Verbindungen, das ist ein Schlüssel für echten Erfolg. Ein Mann, der öffentlich weinen kann, zeigt, dass Stärke und Verletzlichkeit keine Gegensätze sind. Das ermutigt andere, ebenfalls authentischer zu sein. Helden werden oft nicht für ihre Unverwundbarkeit bewundert, sondern für ihren Mut, trotz Widrigkeiten Gefühle zu zeigen, wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Vorteile, wenn Männer ihre Gefühle zeigen
Aus sozialer Sicht stärkt Weinen deine Beziehungen, weil es Vertrauen zeigt. Sensible Männer, die sich auch mal verletzlich zeigen können, werden von anderen oft als bessere Partner, Freunde und/oder Väter wahrgenommen.
Mittlerweile weiß jeder, dass es ungesund ist, Dinge in sich hineinzufressen. Weinen baut Stress ab und reduziert dadurch dein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Adern müssen nicht mehr verstopfen, weil du gelernt hast, deine Emotionen in Fluss zu bringen. So krass kann Psychosomatik sein, also die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Seele und Körper.
Weinen fördert auch deine mentale Gesundheit, weil es emotionale Stauungen verhindert, die zu Depressionen führen können. Wichtig ist nur, dass du dich nicht endlos in eine „Opferrolle“ und in ein Loch aus Selbstmitleid hineinplumpsen lässt. Das wiederum ist nicht hilfreich, sondern schädlich, weil es deine Handlungsfähigkeit lähmt und damit deine Identität als Mann aufweicht.
Praxistipps: Wie du deine Emotionen akzeptieren kannst
- Schritt 1: Beobachte dich selbst. Wann unterdrückst du Tränen und warum?
- Schritt 2: Nimm bewusst eine neue Perspektive ein. Sieh Weinen als Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.
- Schritt 3: Schaffe emotionale Sicherheit. Finde ein Umfeld, in dem du dich öffnen kannst und das dich unterstützt, anstatt dich zu belächeln oder negativ zu bewerten.
- Schritt 4: Erlaube dir, Emotionen zu fühlen und einfach da sein zu lassen – ohne Scham, ohne Rechtfertigung. Meistens ist es wie eine Welle: Die Emotionen (und die Tränen) kommen und gehen meistens nach 15 Minuten auch wieder.
Dein Weg vom gefühlten Weichei zum sanften Helden
Fazit: Tränen sind keine Schwäche – sie machen dich zu einem authentischen, starken Mann. Fang damit an, dir ein sicheres Umfeld zu suchen, und teile deine Erfahrungen mit anderen sensiblen Männern, um das Tabu zu brechen.
Wenn du dabei kompetente Begleitung möchtest, melde dich gern bei mir, dann finden wir einen ersten 15-minütigen Schnupper-Coaching-Termin im Wert von 49 EUR, der für dich gratis ist.
Falls du eher der Typ bist, der erst mal anonym bleiben will, findest du noch mehr spannendes Wissen zum Thema „Sensibilität bei Männern“ und dazu, welchen Einfluss das auf deine Fähigkeit hat, eine gesunde Partnerschaft zu führen, unter diesem Link im Onlinekurs von Mark Lambert – Verführe mit Persönlichkeit [klick].*